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Ingo Günther »Refugee Republic«
Jamie Wagg
»History Painting: Shopping Mall«
Das Bild zeigt verschwommen einen kleinen Jungen an der Hand eines etwas größeren Jungen. Seine Bedeutung zieht das Bild daraus, dass der kleine Junge, James Bulger, kurz nach dieser von Videoüberwachungskameras am 12.02.1993 um 15:42:31 festgehaltenen Szene, ermordet wurde – und zwar von dem etwas größeren Jungen. Im Rückblick erst enthüllte sich die äußerste Brisanz des Bildes – zeigt sie doch die Entführung von James Bulger. Der Fall löste in Großbritannien 1993 größtes Aufsehen aus. Indem Wagg dieses umstrittene Bild nutzt (er wurde dafür nicht nur scharf kritisiert, sondern seine Bilder sogar tätlich angegriffen), und dann mit digitalen Bildbearbeitungstechniken die von der Videokamera in das Bild eingetragenen Hinweise auf Zeit und Ort löscht, dekontextualisiert er das Bild nicht nur, sondern es wird auch de-intermedialisiert: die (in handelsüblichen Videokameras auf Wunsch problemlos eingefügten) Buchstaben und Zahlen, die Zeit und Ort angeben, werden entfernt bzw. in den bildexternen Titel verlagert. Dadurch wird aber seine Lokalisierung in dem retrospektiv aus dem Videostream erzeugten Archiv aufgehoben und so das Archiv ›de-sedimentiert‹. So zeigt Wagg, dass die einzig zulässige öffentliche Interpretation des Bildes – als schreckliches Zeugnis einer Mordtat – von spezifischen diskursiven Parametern abhängt. Diese Geste der Denaturalisierung des Archivs genügte offenbar schon, um seine Arbeit wüsten Anschuldigungen auszusetzen.